Natur und Energie pur in einer einzigartigen Wildflusslandschaft – Eine Annäherung an etwas Besonderes!
Da ist Sie nun, die berühmte Wutachschlucht! Das Nonplusultra unter den deutschen Schluchten und Klamms. Sie verdankt ihre Beliebtheit nicht nur ihrer landschaftlichen Schönheit, auch nicht ihrer geologischen Struktur und ihrer reichhaltigen Flora und Fauna, sondern auch ihrer Mystik und der Energie und der Natur pur.
Schon allein die Anlage des Ludwig-Neumann-Weges ist interessant. Er verläuft in dem canyonartigen Gelände teils durch Auwälder am Grunde des Tals und teils auf schmalen Felsbändern knapp über dem Wasserspiegel, dann wieder steigt er hoch zu einem gesicherten Felsensteig, der in luftiger Höhe durch die senkrechten Muschelkalkwände zieht.
Ich bin jetzt zum drittenmal in dieser Schlucht und sie überrascht uns immer wieder. Beim erstemal zeugten noch Reste zerbrochener Stege und umgestürzte Brückenpfeiler von immer wieder erforderlichen Wegverlegungen. Das ist heute anders. Es ist ein wunderbarer Tag für die Wutachschlucht.

Im Frühsommer fesseln die Waldblumenpracht und der vielstimmige Chor der Singvögel; im Hochsommer ist der tropisch-üppige Pflanzenwuchs der Talauen von beeindruckender Schönauen; im Herbst dagegen sind es die prächtigen Laubfärbungen und die überwiegenden trockenen Wege, die die Wanderung durch die Schlucht zu einem Vergnügen machen. Und zu jeder Zeit des Jahres ist es die Energie dieses naturbelassenen Ortes.
Durch eine schroffige, urwaldähnliche Landschaft, die nach einiger Zeit von einer breiten Talaue abgelöst wird, wandert man durch die Erdzeiten. Fast könnten wir unsere hektische Welt droben vergessen hier unten im Schlund dieser archaischen Klamm. Wir wandern zwischen mannshoch stehendem Pestwurz und entlang dschungeldichtem Bergwald. Was dort im Verborgenen wuchert, kreucht und fleucht, können wir nur erahnen – vielleicht möchten wir es auch gar nicht wissen!

Rau krächzend streifen zwei Graureiher flussaufwärts, eine Wasseramsel schießt pfeilschnell in die kristallklare Flut, ganz nah trommelt der Buntspecht. Auf schwindelnder Höhe gehen wir über schmale, bröckelnde Galerien, die in senkrecht abstürzende Felswände gehauen wurden. Tief unten glitzern die Stromschnellen der Wutach.
Danach sind wir froh, wieder sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Stets begleitet uns die Melodie des Flusses, mal pianissimo heimelig murmelnd, aber oft auch fortissimo unerbittlich tosend.
Hier können wir uns verzaubern lassen von flirrendem Licht und pastellfarbenem Farbspiel auf Wasser und Kieseln, hier lauschen wir dem Grummeln der Steine, die talwärts poltern seit Jahrtausenden wie heute. So sind wir für Sekundenbruchteile gleichsam Zeugen der Erdgeschichte.

Trotz all ihrer Schönheit: Den Vorvätern war die Schlucht nicht geheuer. Bis ins späte Mittelalter blieb sie eine fremde, schwer zugängliche Welt, die sich zudem – abgesehen von Holzflößern und einigen Getreide- und Sägemühlen – der wirtschaftlichen Nutzung verschloss.
Auch heute noch gibt es in der Wutachschlucht Plätze und Orte, die bei Tage besehen wunderschön sind, bei Nacht aber möchte ich dort nicht sein. Und natürlich findet man in der ganzen Wutachschlucht den Nachweis von Naturgeistern.
Zu Beginn unseres Jahrhunderts missbrauchte die Papierfabrik in Neustadt den kristallklaren Bach als Ausguss für ihre stinkende Brühe. Es war der Ruin für jenes zuvor exzellente Forellengewässer in Europa, aus dem die Angler sogar Lachse und Edelkrebse holten. Zu schätzen wussten sie bei ihrer Angelpartie auch den luxuriösen Rheuma-Kurort Bad Boll. Daran erinnert aber heute nur noch die Allee der Kurpromenade. Moose und Flechten überwucherten zusehends die betagten Rosskastanien und Eschen. In der Wutachschlucht erlaubt die Natur dem Menschen allenfalls ein Gastspiel.
Noch mehr Wildheit, Mystik und Romantik
Die Gauchachschlucht ist der Wutachschlucht sehr ähnlich, übertrifft diese jedoch noch an Wildheit und Romantik, weil sie im Unterschied zu jener durchwegs eng und noch unwegsamer ist.
Der von nun an ungeheuer mystisch und wild anmutende Pfad führt oftmals hart am Bach entlang, wobei er diesen mehrfach auf Stegen überquert und dann wieder hoch über dem Bach gesichert durch die Felswände verläuft. Die Gauchach bildet hier zahlreiche Wasserfälle (Zeitnischen), an den beidseitigen Hängen haben Erdrutsche und Felsstürze deutliche Spuren hinterlassen. An der Einmündung der Tränkenbachschlucht vorbei kommt man dann zur romantischen alten Burgmühle, die heute als Naturfreundehaus dient.
Ab der Burgmühle weitet sich die Schlucht, der Talgrund wird breiter, die Vegetation üppiger. Auf bequemem Weg wandert man weiter und nach einem kurzen Anstieg erreicht man schließlich abwärts gehend den Steg 150 Meter oberhalb der Gauchachmündung in die Wutach. Die Bushaltestelle an der Wutachmühle ist nun nicht mehr weit.
Man verlässt die Wutachschlucht und ist glücklich, dass man sich nicht in der Unendlichkeit der Jahrtausende verloren hat. Zurück bleiben Licht, Schatten, Gefühle, aber auch Augenblicke des Glückes. Der Wind fegt durch die Gräser, Wolken ziehen in die Unendlichkeit, Nebelgrau umgibt diesen Tag. Ich muss nun weiter, um zu suchen und zu finden. Denn dann fließt Damals, Jetzt und Irgendwann zusammen in einem Augenblick.
Ein paar wichtige Fakten
Ausgangspunkt für die Gauchachschluchtwanderung ist der Parkplatz beim Posthaus in der Nähe des Dorfes Döggingen. Für den Hin- und Rückweg braucht man etwa fünf Stunden und man wandert zirka 300 Höhenmeter.
Die Wutachtalwanderung kann man an zwei Punkten beginnen. Entweder an der Wutachmühle, dort ist ein großer Parkplatz oder am Parkplatz in Bad Boll. Man kann auch mit dem Bus fahren, die Bushaltestelle Wutachmühle liegt nördlich von Ewattingen an der Linie Bondorf–Wutach–Donaueschingen. Die Gehzeit durch die Wutachschlucht beträgt etwa sechs bis acht Stunden für hin und zurück.
Eine Fahrt mit der Wutachtalbahn sollte man nicht vergessen.