Wenn Sie heute in den großen Tageszeitungen Stellenanzeigen lesen, ist fast nur noch von „überdurchschnittlichen Studienabschlüssen“ und „außergewöhnlichen Fähigkeiten“, also den sogenannten High Potentials, die Rede. Wo aber sind die mittelmäßigen Absolventen? Im Alltagsleben ist „Mittelmaß“ eine abwertende Bezeichnung. Gehört man zu den 50 Prozent der Durchschnittlichen, ist das irgendwie schlecht.

Wenn man bedenkt, 1950 zum Beispiel hat wohl weit über die Hälfte der Deutschen von Arbeiten mit Anforderungen gelebt, die es heute kaum noch bei uns gibt: manuelle Landwirtschaft, schwere körperliche Produktionsarbeiten und Ähnliches. Da sich diese Entwicklung aber in der ganzen Gesellschaft zeigt, haben Aussagen wie „überdurchschnittliche Anforderungen“ in den heutigen Unternehmen keinen Sinn. Man müsste dazu schreiben „im Vergleich zu früher“, aber das wäre sinnlos.

Wir haben heute die Anforderungen des Jahres 2016/2017. Alle Unternehmen suchen Mitarbeiter, die diesen Anforderungen gerecht werden und müssen die Personen einstellen, die es heute am markt gibt. Man nennt sie heute High Potentials und stellt sie ein. Das Problem ist, dass manche davon auch daran glauben, solche zu sein. Dabei haben sich die Ansprüche und die Noten in vielen Fächern an die geringe Leistung der Klientel angepasst, die persönliche Nähe hat die Maßstäbe inflationiert: So sind in vielen Diplomfächern die Noten in den letzten zehn Jahren viel besser geworden, obwohl die Unis über die immer schlechteren Studenten und Lehrbedingungen klagen.

Dabei wird der Begriff High Potentials einfach überdehnt. High Potentials sind eigentlich maximal etwa sechs Prozent der Hochbegabten in einem Absolventenjahrgang. Einerseits entpuppen sich nicht wenige Absolventen mit kosmetisch akkuratem High-Potentials-Lebenslauf als „Treibhausphänomene“. Oft aber haben sie einfach nur Glück gehabt. Doch auch für die Gruppe der Mittelmäßigen stehen die Chancen nicht schlecht, einen Job zu finden.

20160602_082620

So können Absolventen ohne High-Potentials-Lebenslauf trotzdem extrem leistungsfähig sein, nur braucht man zur Beurteilung ihres Potenzials bessere diagnostische Mittel. Schließlich aber werden für die wenigen Positionen tatsächlich Leute mit Spitzenqualifikationen gebraucht.

Doch auch nicht High Potentials können den richtigen Job finden und glücklich werden. Denn wenn das nicht so wäre, wäre ja der größte Teil der Menschen beruflich unglücklich. Voraussetzung ist, dass man seine Grenzen kennt und akzeptiert.

Derzeit verdrehen die Unternehmen vielen normal Begabten den Kopf mit der Botschaft, sie gehörten zu den High Potentials, weil man sie schließlich eingestellt hat. Das aber weckt oft eine zu hohe Erwartungshaltung an die eigene Karriere. Rundum brillant sollen Berufseinsteiger sein, klug, weltoffen, sprachgewandt mit Spitzennoten. Viele Firmen balgen sich um die wenigen Überflieger: denkt daran, alle haben eine Chance!

Vielleicht sollte man sich an Gerhard Polt halten, der einmal sagte: „Das Mittelmaß ist das Maß aller Dinge“. Einen erfolgreichen Tag wünsche ich Euch.

img_20150930_130246-2