Hamburg ist von Cuxhaven aus schon zu sehen, jedenfalls ein kleines Stück davon. Denn obwohl die Hansestadt noch rund 100 Kilometer elbaufwärts entfernt ist, liegt direkt vor der Küste bei Cuxhaven der Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer. Dazu gehören auch die Inseln Neuwerk und Scharhörn. Die kleine Insel ist auch zu Fuß zu erreichen, mit einem Langstreckenmarsch durch das Wattenmeer. Rund 12 Kilometer sind es von Neuwerk nach Cuxhaven. Nirgendwo sonst an der deutschen Küste gibt es eine längere durchgehende Strecke über den Wattboden.

Bei Ebbe ist entweder der Hin- oder der Rückweg (zu Fuß) zu schaffen, nicht aber beide Strecken. Für die jeweils andere Richtung empfiehlt sich die „MS Flipper“ der Reederei Cassen Eils – oder auch einem Wattwagen.

Wattlauf 5

Zu verfehlen ist der Weg eigentlich nicht: Er ist mit „Pricken“ markiert – mit Reisigbündeln, die fest im Boden stecken. Und selbst wenn es die nicht gäbe: Man kann auch einfach den Reifenspuren der Kutschen folgen, die in der Hauptsaison oft im Dutzend vom Festland auf die Insel fahren.

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Meine etwas verrückte Idee: diese 12 km durchs Watt zu laufen (joggen). Etwas ähnliches hatte ich schon einmal durch gezogen, im Rahmen des Nordseelaufes. Da aber waren runde 500 Mitjogger dabei. Jetzt wollte ich es alleine machen! Dabei sind die 12 km nicht das Problem. Es ist das Watt und die Tide. Wattwanderer und -Läufer müssen genau auf die Tide achten, damit die Flut sie nicht unterwegs überrascht. Falls das doch passiert, gibt es mehrere Rettungsbaken. Ich bin an einer vorbei gekommen. Das sind große Metallkörbe auf einer Stange, in die sich Wattwanderer bei Bedarf vor dem Hochwasser retten können. Aber daran wollte ich nicht denken.

Wattlauf (11)

So entschloss ich mich, unter Mithilfe der Reederei Cassen Eils, den Hinweg per Schiff zu machen. Ich würde dann zurück laufen. Alles vorher gut geplant und zeitlich durch gerechnet.

Es geht los

Ich stehe hier am Rand eines Meeres und blicke über das Watt in Richtung Cuxhaven – next level – kommt mir in den Kopf. Also, los geht’s.

Cuxhaven ist schon beim Start am Horizont gut zu erkennen. Ich werde auf der Strecke der Wattwagen laufen. Erstens treffe ich dort auch immer wieder auf Leute. Zweitens ist der Boden dort zum Laufen fest genug. Dort läuft es sich leichter und der Matsch spritzt nicht so die Beine hoch.

Es riecht nach Meer, der Wind ist kalt – auch wenn das Wasser, das an vielen Stellen noch auf dem Boden steht, warm zu seinen scheint. Eine winddichte Jacke habe ich dabei. Denn binnen kurzer Zeit kann das Wetter an der Nordsee mehrfach wechseln. Aber heute scheint die Sonne – naja, wenn Engel laufen –  also kurze Hosen und eine dünne Windjacke, sowie Reserve im Laufrucksack: Selbst in den kleineren Prielen versinkt man leicht bis zu den Oberschenkeln.

Am Horizont schiebt sich ein riesiges Containerschiff aus der Elbmündung in die Nordsee – so langsam, dass man den Eindruck hat, zu Fuß schneller zu sein.

Von der Fährankunft auf Neuwerk bis zum Start meines Laufes dauert es noch ein wenig (das Wasser sollte so weit wie möglich abgelaufen sein). Und dann geht es los  und ich mache mich dann mal auch auf die 12 km zurück nach Cuxhaven.

Nach den ersten Metern über eine Wiese geht es ins Watt. Dabei dem Wasser ausweichen ist zwecklos, die kommenden zwölf Kilometer werden nass und die Klamotten schmutzig. Nach wenigen Metern war das allgemeine Empfinden „der Wind ist weg, die Priele führen wenig Wasser“. 30 Zentimeter Wassertiefe waren zu verkraften, „das ist aber nichts, wenn man in manch anderen Jahren schon bis zum Bauchnabel im Wasser stand. Das „Duhner Loch“ ist da schon berühmt. So aber hieß es: Augen zu und durch. Die Sicht war gut, Cuxhaven war zu erkennen.

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Nach einer gewissen Laufzeit, hatte ich gefühlsmäßig das gesamte Watt in meinen Laufschuhen. Das hieß anhalten, Schuhe ausziehen und säubern. Nur wo hinknien, hinsetzen oder festhalten? Nur auf einem Bein stehen, das ging auch nicht. So kam mir die Nähe zu einer Rettungsbaken gerade recht, dort konnte ich mich anlehnen und schwupp waren die Schuhe geleert und es konnte weitergehen.

Mit der Zeit bekommt das Wattlaufen etwas Meditatives, ein Fuß setzt sich automatisch vor den anderen. Und die Unsicherheit lässt nach, ob man wohl rechtzeitig in Cuxhaven ankommt.

Und die Gedanken gehen auf Wanderschaft: „Wie nennt sich die USA nochmal, frage ich mich. Ach ja – land oft the free! – Nein, Nein, „Frei ist hier“, mitten im Watt der Nordsee!

Auf den langen 12 km kommen einem auch immer wieder Watt-Wanderer entgegen. Freundlich grüßt man mit „ Moin“. Ein Wattwagen-Lenker fragt freundlich: „…kann ich helfen… Meine Antwort „Nein Danke“. So nett und hilfsbereit sind sie halt, die Menschen hier oben an der Nordsee in Cuxhaven.

Auf den letzten drei Kilometern folgte bei diesem Lauf die Herausforderung. Es gab doch noch viel Wasser und der Schlamm war oft eine echte Herausforderung – auch für das Läuferschuhwerk. Bloß nicht vom Weg abweichen sonst holt der Schlamm sich den Schuh. Die letzten 50 Meter durch den weichen Dünensand ins Ziel brachten mir dann die freudige Erlösung: geschafft

Der Lauf war einzigartig

Die wahnsinnige Weite, Festland und Insel verschwanden im Dunst, ein paar Reiter, die Kutschen und ich. Entlang der Pricken lief ich über das Watt und durchwateten knietiefe Priele – so ist es halt, wenn man auf dem Meeresboden, dem Watt, von Neuwerk nach Cuxhaven läuft – halt Next Level“ !

 

Wattlauf (5)