Rauf auf die Jungfrau! Halt, Halt Kopfkino erst mal anhalten, ich sage euch gleich, worum es geht: Das Abenteuer beginnt in Grindelwald, im Berner Oberland. Von dort kann man eine verrückte Reise beginnen, zusammen mit vielen, vielen anderen Erdenbürgern, meistens Chinesen, Koreanern, Indern und Japanern. Das Ziel heißt Jungfraujoch und um dort hinauf zu kommen muß man schon tief in die Tasche greifen. Die Preise beginnen bei 91,00 CHF.

Auch ich möchte jetzt endlich rauf zum Höhepunkt Europas. Einmal im Leben «Top of Europe» mit dem weltberühmten Panoramablick auf den Aletschgletscher. Es war die teuerste Zugfahrt meines Lebens und doch habe ich es nicht bereut.

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Der Weg hinauf zum hinauf beginnt im weltberühmten Winterskiort Grindelwald, oder am gegenüberliegenden Talende von Lauterbrunnen aus. Das Transportmittel ist dabei ebenso ungewöhnlich wie die Reise selber: eine pittoresk anmutende Zahnradbahn, die bereits vor über 100 Jahren erbaut wurde und sich teils im Schneckentempo zur 2500 m höher gelegenen Bergstation hinauf windet.

Die Jungfraubahn – ein Pionierwerk

Im Jahr 1912 wurde die Jungfraubahn eröffnet, ein Pionierwerk unter den Bergbahnen. Die Zahnradbahn befördert Gäste von der Kleinen Scheidegg auf das Jungfraujoch – Top of Europe, das sich auf 3454 Meter über Meer in einer Welt aus Fels, Eis und Schnee befindet. Von der neun Kilometer langen Strecke liegen sieben Kilometer im Tunnel, wobei die Bahn die Berge Eiger und Mönch durchquert. Bei den Zwischenstationen Eigerwand und Eismeer halten die Züge fünf Minuten lang und die Besucher können durch Aussichtsfenster schauen und die faszinierende Bergwelt bewundern. Die Jungfraubahn überwindet 1400 Höhenmeter.

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Bis auf 3454 m geht es hoch und dann ist man im Hochsommer bei 2 Grad Celsius auf einmal mitten überm Gletscher und bestaunt von der Plattform aus die gewaltige Natur. Doch bis man dort ankommt hat man schon einiges erlebt.

Voll wie der Markusplatz in Venedig

Aber so viel ist klar, es herrscht auch jetzt schon ein ganz schönes Gedränge dort oben. Darüber sollte man sich im Klaren sein, bevor man mit der Wengernalpbahn auf die Scheidegg und dann mit der Jungfraubahn aufs Joch hinauffährt. Dies ist ein Hotspot des Massentourismus. Voll wie der Markusplatz in Venedig – nur dass hier Rabenvögel statt Tauben um Futter betteln.

Schon die Scheidegg bietet alles, was der internationale Tourist von der Schweiz erwarten kann: Alphornbläser, Bernhardinerhunde und Heidi-Ziegen, die frech jeder Pommes-Tüte nachlaufen und die nach dem Urlaub von den Heimkehrern in Tokio, Bombay oder Shanghai als Fotobeweis präsentiert werden. Sei’s drum.

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Es geht los!

Grindelwald – Gedränge am Bahnsteig, ein einziger Ameisenhaufen. Aufgeregt versuchen die überwiegend asiatischen Touristen wahlweise einem in die Höhe gereckten Schirm, Handschuh oder Taschentuch zu folgen. Die mutmaßliche Anweisung, in der Gruppe zusammenbleiben, ist Gesetz. Hindernisse jeglicher Art werden überrannt. Manche filmen im Gehen, den Blick durch den Sucher geheftet. Keine kostbare Sekunde darf verloren gehen. Irgendwann aber sind alle im Zug verstaut. Und dann geht’s los!

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Kleinen Scheidegg auf 2061 Metern – Umsteigen! Dort treffen nicht nur die beiden Strecken via Grindelwald und Lauterbrunnen zusammen – sondern ganze Kontinente: der Spanier in kurzen Jeans, der Australier in der Hightech-Ausrüstung, die Inderin im Sari um nur einige zu nennen. Von hier aus nehme ich den letzten Abschnitt dieser wunderschönen Reise auf mich.

Einige Zeit später wird’s im Abteil dunkel, denn man ist im Fels drin, im Eiger, im Schacht der Natur gewissermaßen, des Berges hohler Bauch, gewölbt mit Alabaster, wie Albrecht von Haller in seinem Gedicht „Die Alpen“ schrieb. Vor hundert Jahren haben Arbeiter diesen Kanal in den Eiger geschlagen und gesprengt – Eine Jahrhundertleistung. Andererseits gibt es hier im Stollen nichts zu photographieren, unnütz hängen die Apparate vor der Brust; man friert und gähnt und fragt sich, wie lang die Jahrhundertleistung noch dauert. Sieben Kilometer im Berg liegen zwischen Traum und Wirklichkeit.

Mehrmals am Tag stellt die Jungfraubahn die Verbindung zwischen der Kleinen Scheidegg auf 2061 Meter und dem Jungfraujoch mit 3454 Meter her. Ein Pfiff und schon startet die Maschine: Mit „cruising speed“ wie die Lokführer es nennen, eine Geschwindigkeit von etwa 26 Kilometern pro Stunde, geht es hinauf in die Eiswelt der Viertausender. Ein Doppelzug misst 60 Meter. Bergauf zuckelt die Bahn mit maximal 35 Stundenkilometern, runter geht’s ein bisschen langsamer. Auf dem steilsten Stück mit 25 % Gefälle nur noch mit 17 km/h.

50 Minuten dauert die komplette Fahrt vom Ausgangspunkt auf der Kleinen Scheidegg hinauf an den Ursprung des Großen Aletschgletschers. Auf der Strecke überwindet die Zahnradbahn rund 1400 Höhenmeter. Mehr als die Hälfte liegt im Tunnel. Den Vergleich mit einem U-Bahn-Fahrer wollen die Lokführer aber nicht hören. Ein erster Stopp ist die Haltestelle „Eigergletscher“ in 2320 Metern Höhe.

Ich bin im Wagen einer gemischten Reisegruppe untergekommen. Eingequetscht sitze ich zwischen zwei chinesischen Touristen. Der links von mir ist etwas blass im Gesicht und nervös. Die Höhe? Die Enge? Die Dunkelheit? Der rechts von mir hängt am Handy und telefoniert. Unglaublich. Bei der Deutschen Bahn geht mir in fast jedem Tunnel das Netz flöten.

Beim nächsten Tunnel-Stopp auf 3160 Meter Höhe an der Station Eismeer hat man freien Blick auf die Rückseite von Eiger, Mönch und Jungfrau. Eine Engländerin bekommt nur noch ein „gooorgeous“ heraus, und die Touristen zücken en bloc den Fotoapparat. Am Eismeer schnappen die ersten dann heftigst nach Luft. 1.400 Höhenmeter in 50 Minuten, das steckt nicht jeder so einfach weg. Doch darauf kann man keine Rücksicht nehmen, schließlich erfüllt sich gerade der Traum des Lebens: einmal auf die Jungfrau! Doch schon am Eismeer ist die Luft dünn. Nach fünf Minuten Schauen, Fotografien und nach Luft schnappen, geht es weiter…

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Dann aber ist das Ziel erreicht, wir sind oben: Top of Europe! Hier kommen sie alle an, auf dem mit 3.454 Meter höchstgelegenem Bahnhof Europas mit ihrer High-Tech-Ausrüstung inklusive Selfiestick, Flip-Flops und leichtem Schwindel im Kopf. Endstation Jungfraujoch. Tatsächlich, das Atmen fällt schwer auf 3454 Meter. Man steigt aus und ist überwältigt von dem herrlichen Ausblick auf den Aletschgletscher, mit 24 Kilometern der längste der Alpen, auf Jungfrau, Mönch und Silberhorn, sowie auf all die Viertausender der Berner Alpen.

Jungfraujoch, höchstgelegene Bahnstation Europas, sogar der Welt, wenn man einmal die Stationen in den Anden vergisst. Wer aber nicht will, muss nicht mal ins Freie gehen. Es gibt hier oben ausreichend Unterhaltung: Restaurants, Uhrengeschäfte, Schokoladenshop, Klamotten- und Souvenierläden, Multimediashows – so dass jeder reinen Gewissens behaupten kann, er war oben.

Schweiz Jungfrau (4)

Weiter geht’s zum Eispalast, einem Labyrinth aus Gängen und Skulpturen. Ein komisches Gefühl, 30 Meter dickes Eis über dem Kopf zu wissen. Der Gletscher (und damit der ganze Palast) bewegt sich, an manchen Stellen bis zu 15 Zentimeter im Jahr. Immer wieder muss nachgehauen werden. Durch die vielen Menschen (und deren Wärme) ist es nötig, das eisige Gemäuer auf -3 Grad zu kühlen.

Übrigens: Im Eispalast liegen drei Fässer Whisky, der in der kalten Höhenluft reift. Für 195 Franken kann man eine Flasche kaufen. Produziert wird der Whisky von der Rugenbräu Brauerei in Interlaken – habe ihn schon probiert, schmeckt super!

Bist du Schokoladenliebhaber? Auf dem Jungfraujoch gibt es tatsächlich einen Lindt Chocolate Shop. Hier ist das Einkaufen der süßen Verführungen besonders billig, da es ein Fabrikladen ist. Also zugreifen – da habe ich selbstverständlich zugegriffen.

Dann gibt es noch den Snow-Fun-Park mit Tyrolienne, Tube, Probeskilaufen oder Gletscherbar, um einfach im Liegestuhl einen Drink zu genießen. Die Asiaten fotografieren pausenlos. Weniger die Berge, eher einander. Oder in Großaufnahme sich und ein bisschen die Berge mit dem Selfiestick.

Viel zu früh sitzt alles im Warteraum und will in den Zug nach unten; das Jungfraumassiv wirft einen längeren Schatten über den Gletscher, willkommene Abwechslung im inzwischen reichlich bekannten Panorama.

Nach einem Abstecher in den Eispalast (dort ist es wärmer als draussen), die Lindt-Erlebniswelt und die Sphinx-Terrasse entscheide ich mich für den Abstieg. Nach sechseinhalb Stunden, eingetaucht in ein Potpourri aus hundert neuen Eindrücken, kommt es mir vor wie ein Abstieg in die reale Welt. Es geht runter bis zur Kleinen Scheidegg und von dort zu Fuß ins Tal.

Wem der Rummel zu viel wird, der läuft zur Mönchsjochhütte, die unterhalb des Möchsgipfels auf 3.657 Metern in den Fels gehauen wurde. Eine andere Welt als die der Daueranimation, 45 Gehminuten entfernt. Oder man bucht gleich eine Tour vom Jungfraujoch über den Aletschgletscher mit Übernachtung auf der Konkordiahütte.

Ziemlich spezielles Feeling

Mein Fazit: Ein Ausflug aufs Jungfraujoch ist kostspielig und aufwändig, aber definitiv die Reise wert. Meine Vorurteile haben sich im Positiven wie im Negativen bestätigt: Ja, es hat viele Asiaten. Ja, mir blieb die Luft weg. Doch der Besuch des Jungfraujochs ist ein wirklich tolles Erlebnis. Die Aussicht ist einmalig und der Blick über den Aletschgletscher einfach spektakulär. Nutzen sollte man möglichst morgens die erste oder zweite Bahn, dann hat es noch nicht ganz so viele Leute. Und nicht vergessen die Lindt-Schokolade!!!

Und da ertönt auch schon der bekannte Pfiff. Es geht Abwärts und runter geht‘ s halt etwas langsamer. „Es ist ein ziemlich spezielles Feeling hier oben. Die Luft ist anders. Es ist fast schon ein Abenteuer fernab der Welt und der Ziviliation.“ Ich habe viel Spaß gehabt.

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