Eigentlich wollte ich so etwas nicht mehr machen – eit Alpe d’Huez. Wir waren dann für einen Wander- und Entspannugsurlaub in der Umgebung von Bozen. Bei der Vorbereitung unseres Urlaubes las ich vom Nigerpass und den 24 % Steigung auf der Zufahrt.

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Als ich meiner Frau von dem Vorhaben „das will ich einmal Laufen“ erzählte erklärte sie mich für total verrückt. Ich hörte  nur noch „…du wolltest es doch nicht mehr machen, oder“? Naja, meine Frau hat den Kopf geschüttelt und heimlich gelächelt. Ich habe mich dann entschieden es durchzuziehen und sie hat nicht nein gesagt – Danke.

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Die über den Nigerpass führende Rosengartenstraße verbindet Blumenau (316 m) und St. Cyprian ( 1071 m) mit der Karerpassstraße, in die sie nach 22 km etwa 500 m vor dem Karerpass mündet. Teilweise ist diese Straße sehr schmal und steil, am Anfang der Straße bis zu 24% Steigung, hinter St. Cyprian bis zu 20%. Es gibt sicher leichtere und schwerere Pässe, die man sich als Läufer aufsuchen kann. Wer jedoch eine Herausforderung der besonderen Art sucht, der sollte sich am Nigerpass versuchen, genauer gesagt an der alten Nigerstraße, gehört diese doch zu den steilsten Passstraßen des Alpenraums.

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Von Blumenau sind es knapp sieben Kilometer und 630 Höhenmeter mit bis zu 24 % Steigung (das will ich laufen), bis man die neue Straße nach Tiers erreicht. Nach St. Cyprian kommt dann noch einmal eine Rampe mit 20 % Steigung (das schaffe ich dann auch noch) und dann geht es weiter bis zum Nigerpass (1690 m, 11 Kilometer, 750 Höhenmeter).

In Blumenau entdecken wir bei Auskundschaften der Anfahrt eine kleine Straße, die in Richtung Tiers über Breien führen sollte. Das ist also die Strecke, die ich gesucht haben, dachte ich mir und es lief mir dabei kalt den Rücken runter. Am folgenden Tag sollte es schon losgehen.

Zunächst ging es noch locker dahin, teilweise ist die Straße sehr schmal. Und ich war allein auf weiter Flur – nur ich, mein Handy (wenn ich aussteigen will) und mein Laufrucksack. Meine Frau will auf der Passhöhe warten.

Es ist erst 10 Uhr, aber schon elend schwül. Dafür genießen ich eine unvergleichliche Ruhe. Keine Menschenseele, nur das Zwitschern von Vögeln und das Rauschen des Tierser Bachs. Wer will auch hier schon laufen?

Die Strasse durch das Tiesertal ist recht schmal, eher zu vergleichen mit einem asphaltierten Wirtschaftsweg, denn einer Passtrasse. Verkehr gibt es auf dieser Strasse so gut wie nicht und selten begegnen mir Menschen. Einmal gut, denn die schauen immer so komisch, wenn ich an ihnen vorbei laufe. Aber auch schlecht, falls ich aussteigen will. Naja, aber das will ich ja nicht.

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Das Telefon klingelt – wer ruft mich denn hier an? Es ist meine Frau, die sich erkundigt wie es mir geht und ob alles gut läuft. Definiere gut laufen!!

Nach dem Dorf Breien wird es dann richtig knackig. Plötzlich warnt mich ein Schild vor 20% Steigung. Jetzt geht es also los. Doch so schlimm wird es gar nicht, das erste Steilstück liegt noch im vertretbaren Bereich, die 20% scheinen etwas übertrieben. Bald aber folgt  ein Schild mit der Aufschrift „24%“. Ist das wieder übertrieben? Nein, diesmal leider nicht. Die Straße bäumt sich unvorstellbar auf, so etwas erlebt man nicht alle Tage! Meine Beine fangen an zu brennen, ich muss einen Gang zurückschalten. Da waren die Kehren von Alpe d’Huez ja einfach. Mir bleibt nur eine Möglichkeit: Kreuzen. Das heißt die gesamte Straßenbreite ausnutzen und von einer Seite auf die andere laufen, umso die Steigung künstlich zu senken. Ganze 1,5 Kilometer dauert die Hölle. Aber bloß nicht stehenbleiben.

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Schließlich – ich weiß nicht wie – habe ich es geschafft. Jetzt komme ich zur großen neuen Nigerstraße, die deutlich leichter gewesen wäre. Aber das wäre ja langweilig gewesen, oder? Doch die 24 % haben viele Körner gekostet. Meine Gedanken pendelten zwischen Stehenbleiben, Durchlaufen und Aufgeben. Aber Aufgeben war keine Option!!

Vor mir tut sich ein grandioser Blick auf die Valojettürme des Rosengartens auf. Beeindruckt von dieser Schönheit durchlaufe ich Sankt Zyprian (da gibt es wirklich Leute die mir zu winken) und treffe  auf eine Rampe mit gut 20%. Nach dieser erneuten Härteprüfung beginnt die Strecke bald wieder „abzuflachen“. Nach den bisherigen Kilometern erscheinen mir 10% als ziemlich flach.

Über mehrere Serpentinen geht es weiter bergan und endlich erreiche ich das Passschild „Passo Nigra“. Unglaublich, geschafft. Schön, meine Frau ist da, ich freue mich. Nach einem Bierchen, umziehen und etwas ausruhen, folgen wir mit dem Auto dem Schild Richtung Karerpass (1720 m). Diesen bekommen wir jetzt fast geschenkt, denn es geht nur knappe 500 Meter bergauf. Das Stückchen zu laufen haben ich mir dann aber nicht mehr gegönnt – man muss nicht alles haben.

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Am Karerpass machen wir beide dann eine längere Pause. Der Nigerpass ist unglaublich. Man muss ihn gelaufen sein, um zu erahnen, welche Herausforderung er darstellt. Doch dafür bietet er unvergessliche Ausblicke und die Gewissheit, einen der wohl härtesten Pässe der Alpen bezwungen zu haben. Doch das mache ich bestimmt nicht wieder. Naja man sollte ja niemals nie sagen.

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Aber es taucht die Frage auf: Warum macht man das alles? Weil der Pass da ist?  Weil man die Möglichkeit hatte? Es gibt noch eine weitere Antwort: Es ist wie eine Droge. Je länger, je steiler, je extremer – desto größer ist der Lustgewinn.