Ist nicht überall das Leben schöner, das Wetter besser als zu Hause? Klingt nicht jedes Reiseziel aus einem Katalog wie ein Märchen aus 1001 Nacht?

Was bewegt die Millionen, die jährlich in Urlaub fahren müssen? Wie auf ein geheimes Kommando setzen sich Autokolonnen in Bewe­gung, um sich wie jedes Jahr im immer gleichen Stau zu verkeilen. Ein Tag ist schon einmal weg, Streit, verpestete Luft, nichts zu trinken. Doch wer will schon auf den ersten Tag des gemieteten Apartments, auf einen Tag Schi­fahren, auf einen Tag mehr ver­zichten und einfach einen Tag später fahren?

Und jedes Jahr wird die Verbit­terung ein bisschen größer.

Es ist eben einer der Reize des Reisens, dass man sich zuerst danach sehnt, in die Fremde zu kommen, und kaum ist die Fremde erreicht, wollen alle nur wieder zu Hause sein.

Urlaub – klingt nicht alleine das Wort schon wie eine verhaltene Drohung? War das nicht dieser Zustand, in dem Familienmitglie­der übereinander herfallen, aus der Unsicherheit, der Unerträglichkeit heraus, was mit dieser Stille, falls überhaupt vorhanden, was mit all der Zeit und schlimmer noch, mit all der gemeinsamen Zeit, wohl anzufangen sei?

Urlaub, das ist die Hilflosigkeit, Lug und Trug, Enttäuschung. Für viele. Für die meisten. Jedenfalls für jene, die Erholung und Ent­spannung bitter nötig hätten und einfach nicht mehr wissen, wie das geht.

Die Klugen verziehen sich auf Bauernhöfe, streicheln Kühe, atmen die frische Bergluft ein und lassen ihre Kinder den Bauern zur Hand gehen. Die Bewusstlosen rennen zu Sauf- und Schaumpar­tys, trinken sich in Narkose, lachen und grölen, erinnern sich an nichts, außer an ein paar Telefon­nummern, die sich nach dem Urlaub verknittert in irgendwel­chen Taschen finden. Die Maso­chisten hungern und schweigen unter Aufsicht eines Meisters für einen astronomischen Betrag. Die Kulturbeflissenen latschen durch Museen und Kirchen und machen schöne Fotos, mit denen sie ein Jahr lang alle ihre Freunde quälen können.

Was für ein absoluter Zustand dieser Urlaub.

Das Wort Abenteuer, sagte ein­mal ein Asienreisender, kommt vom Lateinischen advenere, an­kommen. Im Englischen steckt in Abenteuer das Wort venture, un­ternehmen, auch Risiko. Im Deut­schen steckt in Abenteuer das Wort teuer – wie entlarvend!

Wer sich unbedingt erholen muss, um wieder funktionieren zu können, fällt leicht einmal auf faule Angebote rein. Reiseziele werden in den höchsten Zielen gelobt, exotische Besonderheiten hervorgehoben, niemand erwähnt jedoch, dass Exotik erst einmal verkraftet werden muss. Dass Naturnähe eine gewisse Robust­heit erfordert, dass das Leben eben keinen Komfort bietet und dass erschöpfte Menschen kaum noch Widerstand leisten können gegen gerissene Händler, Schlepper und schon gar nicht gegen exotische Krankheitserreger.

Reisen ist ankommen. Wer nicht bei sich selbst ankommt, verliert Zeit, rechnet die Qualen auf, sam­melt Enttäuschungen.

The joy you find is the joy you bring (die Freu­de, die du findest, ist die Freude, die du mitbringst), sagt ein budd­histisches Sprichwort, daran sollte man sich auch im Urlaub halten.