Zu Beginn räumten HPs Marketing-Manager „so einem Spielzeug“ wie sie es nannten nur wenig Chancen ein. Selbst das beauftragte Stanford Research Institut riet von einem Marktgang ab. Doch  Firmenchef William Hewlett setzte sich darüber hinweg. Er wollte unbedingt so ein kleines Ding, das Logarithmus, Exponentiation und trigonometrische Funktionen berechnen kann und das in seine Hemdtasche passt. Und so kam der HP-35 zu seiner Markteinführung.

Firmen internen Untersuchungen ergaben damals, das der HP-35, entwickelt vom Team um Osborne und Cochran, nach HPs optimistischen Erwartungen allenfalls 50.000 mal verkauft werde könnte. Aber es kam ganz anders: Schon unmittelbar nach der Ankündigung bestellte allein General Electric 20.000 Exemplare. In den drei Jahre der Produktion wurden es dann 350.000 Stück, und der Nachfolger HP-45 hat vieles von ihm geerbt. Dabei half ab 1973 ein genialer Ingenieur namens Steve Wozniak, der später als Apple-Entwickler und -Gründer berühmt wurde. Die Erfolgsstory des HP-35 ähnelt dabei ein wenig dem etwa 10 Jahre später vorgestellten IBM PC, der ebenfalls schnell konstruiert wurde und der die Verkaufserwartungen um ein Vielfaches übertraf.

Ein Monatsgehalt für den HP-35

1972 musste man für den Taschenrechner HP-35 schon tief in die Tasche greifen: Mit 395 US-Dollar war er nicht gerade ein Schnäppchen. In Deutschland kam er relativ zügig noch 1972 auf den Markt: für rund 2000 DM. Das war damals etwa das monatliche Grundgehalt (brutto) eines Studienrats (A13, Gehaltsstufe 10 von 14). Auf heute übertragen wären das immerhin rund 5500 Euro (Stufe 6 von 8). Dennoch tat das dem Absatz auch hierzulande keinen Abbruch.

Sein Name 35 rührt wohl einfach von den 35 Tasten her, die der Rechner bietet. Darunter befindet sich insbesondere die 35te, die ganz prominent unten rechts im Ziffernblock liegt: π. Man sollte dann schon auf den ersten Blick sehen, dass es sich um einen wissenschaftlichen Rechner handelt.

HP-35 Taschenrechner

Zu seinen trigonometrischen Funktionen zählen sin, cos, tan, jeweils auch mit arc, aber keine Hyperbelfunktionen. Wurzelziehen, ln, exp und log gehören dazu, aber keine 10^x-Taste. Dafür bot er x^y. Zur Berechnung von 10^x musste man die Basis 10 explizit eintippen, jedoch erst den Exponenten, dann die Basis. Die 10 kann man speichern, denn der HP-35 besitzt einen Zwischenspeicher.

Klammern gibt es nicht, braucht der HP-35 auch nicht, denn seine Eingabemethode war die „umgekehrte polnische Notation UPN oder englisch RPN“. Sie heißt so zu Ehren des polnischen Mathematikers Jan Łukasiewicz, der diese Notation in den 20er Jahren begründet hat. Statt etwa „(3+2)*6“ einzutippen, gibt man „3↑2+6*“ (↑ steht für enter). Das spart nicht nur einen Tastendruck, sondern vereinfacht den Rechenvorgang, da der Rechner ansonsten bei komplizierteren Ausdrücken mitunter viel zwischenspeichern muss, bis die Klammern aufgelöst sind. Heute ist das kein Thema mehr, es gibt aber nicht wenige, die immer noch auf UPN schwören.

Der HP-35 besteht aus fünf MOS/LSI-Chips: Drei ROMs zu je 256 × 10 Bit (MK6022, 23 & 24), eine Kontroll- und Timing-Einheit (MK6021) und eine Arithmetik/Register-Einheit (MK6020). Hinzu gesellt sich auf einer eigenen Platine die Anzeigeeinheit für das LED-Display.

Mein Fazit: Der HP-35 war ein klasse Taschenrechner. Es war der Beginn von Berechnungen der Konstrukteure vor Ort. Erstmals war kleinere Programmen möglich (zur Wiederverwendung), wie beispielsweise für Federn oder für Antriebsriemen.

2007 kam der HP-35s

35 Jahre nach der Vorstellung des HP-35, also im Jahr 2007, überraschte HP mit einer Neuauflage namens HP-35. Er hat 26 Register und eine Unmenge an Funktionen, über drei- bis vierfach belegte Tasten.