Selbst-Darmspiegelung, der Geruch von Fliegen im Wein und Menschen, die Schimpansen nachmachen: Zehn wissenschaftliche Studien, die „erst zum Lachen und dann zum Denken anregen“, wurden vor kurzem an der US-Eliteuniversität Harvard mit den sogenannten Ig-Nobelpreisen ausgezeichnet.

Bei der Verleihung der „Ig Nobelpreise“ haben  zehn Wissenschaftlerteams – Zehn Billionen Dollar Preisgeld – erhalten. Dabei handelt es sich allerdings um Zimbabwe Dollar. Die Währung ist heute nicht mehr in Gebrauch, durch Hyperinflation war sie praktisch wertlos geworden.

Auch sonst nehmen sich die „Ig Nobelpreise“ nicht sonderlich ernst. „Ig-Nobel“ ist ein Wortspiel, das Adjektiv „ignoble“ bedeutet so viel wie „unwürdig“. Der Preis versteht sich als scherzhafte Auszeichnung für Forschung, die es üblicherweise nicht in die Schlagzeilen schafft – überreicht wird er aber jedes Jahr von echten Nobelpreisträgern im noblen Sanders Theatre der Harvard Universität.

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Die traditionell skurrile Gala des undotierten Preises mit mehr als 1000 Zuschauern fand bereits zum 28. Mal statt. Wie jedes Jahr reisten auch diesmal echte Nobelpreisträger an, darunter der deutsche Physik-Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle. Die Ig-Nobelpreise zeichnen jedes Jahr vermeintlich absurde Forschung aus.

Während andere Preisverleihungen oft langwierig und langweilig sind, folgt bei der Verleihung der Igs ein Gag auf den Nächsten. Viele davon sind seit der ersten Verleihung 1991 Tradition. So findet beispielsweise ein streng definiertes Papierflugzeugwerfen statt, bei dem die Zuschauer im altehrwürdigen Sanders Theatre Papierflieger auf eine menschliche Zielscheibe abfeuern dürfen. Statt aufwendiger Lichttechnik gibt es zwei silbern angemalte menschliche Spotlights, die mit Taschenlampen über die Bühne wandern. Und wenn die Preisträger ihre Redezeit von einer Minute überschreiten, kommt die achtjährige Miss Sweetie Poo und wiederholt unablässig, „hör bitte auf, ich langweile mich“, bis der Redner endlich still ist. Manche von ihnen versuchten zwar, sich mit Süßigkeiten und Geschenken ein wenig mehr Zeit zu erkaufen. Miss Sweetie Poo ließ sich jedoch nicht beirren.

Das sind die diesjährigen Preisträger und Gewinnerinnen der Ig-Nobelpreise:

  • Medizin: Marc Mitchell und David Wartinger aus den USA versuchten, das Ausscheiden von Nierensteinen zu beschleunigen, indem sie Patienten auf einer Achterbahn fahren ließen Es funktionierte.
  • Anthropologie: Dieser Preis ging an Tomas Persson, Gabriela-Alina Sauciuc und Elainie Madsen und ihre Teams aus Schweden, Rumänien, Dänemark, den Niederlanden, Deutschland, Großbritannien, Indonesien und Italien. Die Forscherinnen und Wissenschaftler sammelten Beweise, dass Schimpansen in einem Zoo in etwa so oft – und in etwa so gut – Menschen imitieren, wie Menschen das bei Schimpansen machen.
  • Biologie: Geehrt wurden Paul Becher, Sebastien Lebreton, Erika Wallin, Erik Hedenstrom, Felipe Borrero-Echeverry, Marie Bengtsson, Volker Jorger und Peter Witzgall aus Schweden, Kolumbien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Sie konnten zeigen, dass Weinkenner schon am Geruch erkennen, ob sich eine Fruchtfliege im Weinglas befindet (Journal of Chemical Ecology: Becher et al., 2018).
  • Chemie: Paula Romão, Adília Alarcão und César Viana aus Portugal untersuchten, wie gut man mithilfe von Speichel schmutzige Oberflächen reinigen kann (Studies in Conservation: Romão et al., 2013). Romão merkte allerdings während ihrer Dankesrede an, dieses Reinigungsmittel sei am besten für Malereien, Skulpturen oder vergoldetes Holz zu verwenden – in der Küche solle man lieber mit anderen Mitteln putzen.
  • Medizinische Ausbildung: Akira Horiuchi aus Japan erhält diesen Preis. Er fand heraus, dass eine Darmspiegelung funktioniert, selbst wenn der Patient sitzt. Das wäre wohl noch nicht ignoble – hätte Horiuchi die Darmspiegelung nicht bei sich selbst getestet (Gastrointestinal Endoscopy: Horiuchi/Nakayama, 2006).
  • Literatur: Thea Blackler, Rafael Gomez, Vesta Popovic und Helen Thompson aus Australien, El Salvador und Großbritannien erhielten den Literaturpreis. Mit vier Befragungen und zwei Längsschnittstudien stellten sie fest, dass die meisten Menschen, die komplizierte Produkte nutzen, nicht die Gebrauchsanweisung lesen (Interacting with Computers: Blackler et al., 2016). „Sie sagen vermutlich: Das ist nicht überraschend“, sagte Blackler. „Aber Hersteller und Designer wissen das ganz offensichtlich nicht.“
  • Ernährung: Der Brite James Cole berechnete mit seinem Team aus Simbabwe und Tansania, dass ein Kannibale durch seine Ernährungsweise weniger Kalorien zu sich nimmt als jemand, der sich von tierischem Fleisch ernährt (Nature: Cole, 2017).
  • Frieden: Dieser Ig geht an Francisco Alonso, Cristina Esteban, Andrea Serge, Maria-Luisa Ballestar, Jaime Sanmartín, Constanza Calatayud und Beatriz Alamar aus Spanien und Kolumbien. Sie untersuchten Frequenz, Motivation und Effekte von Fluchen und Schreien während des Autofahrens (Journal of Sociology and Anthropology: Alonso et al., 2017). Die Schlussfolgerung: Mehr Frieden beim Autofahren könnte Unfälle verhindern.
  • Reproduktionsmedizin: Wissenschaftler rund um John Barry, Bruce Blank und Michel Boileau aus den USA, Japan, Saudi-Arabien, Ägypten, Indien und Bangladesch entwickelten eine Methode, um nächtliche Erektionsstörungen zu identifizieren: Sie gaben ihren Patienten je einen Streifen Briefmarken, den sie um ihren Penis wickeln sollten. Die angefeuchteten Enden überlappend. „Wenn ein gesunder Mann schläft, hat er eine bis fünf Erektionen in einer Nacht“, sagte Barry. „Diejenigen mit einer physischen Erektionsstörung haben keine.“ Letztere konnten sie so leichter erkennen: Die perforierten Ränder zwischen den Briefmarken blieben über Nacht intakt (The Journal of Sexual Medicine: Barry et al., 2011).
  • Wirtschaft: Der letze Ig-Nobelpreis geht an Lindie Hanyu Liang, Douglas Brown, Huiwen Lian, Samuel Hanig, Lance Ferris und Lisa Keeping aus Kanada, China, Singapur und den USA. Sie zeigten, dass Voodoopuppen etwas bringen können: Wenn Mitarbeiter sie gegen einen demütigenden Chef einsetzen, bekommen sie ein Gefühl der Gerechtigkeit (The Leadership Quarterly: Liang et al., 2018).

Zwischen den Preisverleihungen gab es immer wieder Showeinlagen, wie eine abgedrehte Minioper über das Herz, die etwa den Unterschied von Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) und Tachykardie (Herzrasen) erklärt. Oder die 24/7-Vorlesungen: Die gehen nicht sieben Tage mit jeweils 24 Stunden lang, sondern die Referenten müssen ihre Forschungsergebnisse in 24 Sekunden darlegen und danach in sieben verständlichen Worten zusammenfassen. Beispiel gefällig? Dakota McCoy über ihre Studie mit lichtabsorbierenden Tieren: „Manche Tiere sind sehr, sehr, sehr schwarz“.

Die Trophäe, mit der die Gewinnerinnen und Gewinner an diesem Abend heimkehrten, ist eine Skulptur in Herzform mit einer Vene und einer Arterie, die als Sockel dienen. Umwickelt ist das Ganze mit einem Stethoskop. Außerdem gibt es traditionell Geld, mit zehn Milliarden Simbabwe-Dollar in diesem Jahr augenscheinlich sogar eine ganze Menge; den Simbabwe-Dollar gibt es allerdings nicht mehr. Zudem bekommen die Gewinner eine Urkunde sowie einen Händedruck von einem echten Nobelpreisträger.

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