Es war in der Vor-Corona-Zeit, als ich diesen Lauf geplant und durchgeführt habe. Heute hätte dieser Event so auch nicht mehr gelaufen werden können.

Die Silvretta-Hochalpenstraße bietet alles, was das verrückte Läuferherz begehrt: viele Höhenmeter, viele Kehren und viel tolle Landschaft. Und so kam es, wie es kommen musste: Ich wollte in 32 Kehren, beginnt am Ortsende von Partenen bis zur Bielerhöhe bzw. bis zum Silvretta-Stausee, laufen – Länge etwa 15 Kilometer lang. Mal wieder so eine verrückte Idee von mir. Meine Frau schüttelte nur den Kopf.

Über 32 Kehren und Steigungen von bis zu 14% führt die gut ausgebaute Straße zunächst zum Vermunt-Stausee auf einer Höhe von etwa 1750 m. Nach kurzer Verschnaufpause entlang des Sees sind nochmals knapp 300 Höhenmeter mit Steigungen bis 11% durch die bereits hochalpine Landschaft zu überwinden. Meine Frau will auf der Passhöhe auf mich warten.

Als ich an diesem Morgen dem Ortsausgang von Partenen (1047 m) verließ, war es noch kühl. Gott sei Dank! Ich bin ganz schön nervös, schaffe ich das, oder scheitere ich? Na, wer Alpe d’Huez geschafft hat, der wird auch diese Herausforderung hinbekommen – dachte ich mir. Die Kombination aus Länge und Steigung aber ist es, die den Weg zur Bielerhöhe ausmacht. Im Durchschnitt sind es 6,4% Steigung mit maximalen Bereichen von bis zu 14%.

In Partenen beginnt die für Autos mautpflichtige Straße. Da ich ja nur LAUFE muss ich keine Maut bezahlen (passt schon). Es folgten über 10 % Steigung, die auf den nächsten 6 Kilometern kaum einmal unterschritten wurden und mich, trotz der Kühle,  gewaltig Schwitzen ließen. Erinnerungen an Alpe d’Huez wurden wach.

Ich laufe, und laufe, und laufe ….Meine Handy-App sagt 9‘30‘‘Minuten für den Kilometer (Alpe d’Huez lässt grüßen)  – so schnell? Hoffentlich geht das gut. Ich bin jetzt schon am Limit. War wohl zu schnell. Aber es geht bergauf!

Immer wieder halten Autos neben mir und ich höre Fragen wie „Wollen Sie da wirklich rauf laufen? Runter ist doch viel einfacher“. Oder „Soll ich sie ein Stückchen mitnehmen“? Oder „Ich würde das ja nicht machen“. Na. Es muss ja auch nicht jeder machen. Mir macht so etwas halt Spaß!

Mein Schritt ist etwas schwerfällig (das Handy meint 12 Minuten pro Kilometer – so schnell?). Ganz plötzlich aber bricht die Steigung ab und vor mir baute sich die Staumauer des Vermunt-Stausees auf. Da ich nun auf über einen Kilometer an dessen Ufer entlang laufe, bedeutete dies auch ein wenig Durchschnaufen. Das war auch bitter nötig, denn meine Kräfte waren schon ganz schön geschwunden. Aber viel gebracht hat es nicht. Doch Aufgeben war keine Option.

Im Laufen versuche ich an meinen Energieriegel im Laufrucksack zu kommen. Er verspricht neuen Treibstoff. Ich spüle mit Wasser aus meiner Trinkflasche hinterher. Die ist jetzt aber auch schon fast leer.

Meine Frau ruft an und fragt wie es mir ginge und wo ich denn schon wäre. Ich sage nur „geht gut voran, bin gleich oben“ was eigentlich eine Lüge ist, denn ein Wenig dauert es noch.

Doch dann heißt es: Auf zum Gipfelsturm. In einer langgezogenen Kurve biegt die Straße wieder nach links und ein wirklich ekelhafter Kilometer mit wieder fast 10 Prozent Steigung war für meine mittlerweile doch recht schweren Beine fast zu viel. Der Ausblick auf den nun unter mir liegenden Stausee entschädigte mich aber für alle Anstrengungen. Die Steigung ließ dann erfreulicherweise immer mehr nach.

Aber man soll sich halt nicht zu früh freuen, denn ein kurzes, 400 Meter langes schnurgerades Steilstück unmittelbar vor der Passhöhe hat mich noch richtig geärgert. Das Passschild hat man – wohl in weiser Voraussicht – einige hundert Meter vor dem eigentlichen Bieler Höhe aufgestellt. Doch dann bin ich oben! Meine Frau ist auch da, was für ein herrlicher Anblick. Im Sonnenschein und der warmen Luft gönnte wir uns eine halbe Stunde Ausruhen.

Im Nachhinein muss ich feststellen, dass mein Vorhaben – Lauf auf die Bielerhöhe –  gelungen war. Und der Blick auf den türkisgrün schimmernden Silvretta-Stausee ist auch nicht ohne. Aber es taucht die Frage auf: Warum macht man das alles? Weil der Pass da ist?  Weil man die Möglichkeit hatte? Es gibt noch eine weitere Antwort: Es ist wie eine Droge. Je länger, je steiler, je extremer – desto größer ist der Lustgewinn.