Sie rutschen in Krater, jagen sich mit Handgranaten in die Luft: Es sterben mehr Menschen durch Selfies als durch Haie. Woran das liegt?  Selbstliebe, Dummheit und dem Trend, berühmt zu werden. Wenn sie einmal sehen wollen, wie das funktioniert, findet Videos auf Hashtag #selfiedeath. Der Selfie-Tod ist schon längst ein statistisch nachweisbares Phänomen geworden.

Meist ist ein dummer Zufall schuld am Tod

2015 sei das Jahr, hieß es vor kurzem in den Nachrichten, in dem mehr Menschen durch Selfies starben als durch Haie. Das ist zwar richtig, liegt aber vor allem daran, dass Haie weniger Interesse an Menschen haben als die an sich selbst. Die Selfie-Tode sind nicht ihrer Zahl wegen alarmierend, sondern wegen der menschlichen Blödheit.

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Der Verdacht, ein Aufschneider zu sein, lässt sich halt nur durch einen Fotobeweis entkräften. Und schließlich hat ja nicht jeder einen Hintern wie Kim Kardashian, der einen ohne jede zusätzliche Anstrengung berühmt werden ließe. Deswegen bleibt Menschen, die ihren Freunden und sich selbst nicht als Langweiler gelten wollen, nicht sehr viel anderes übrig, als hin und wieder reinzuhauen. Sich zum Beispiel auf die Schienen zu stellen und erst im allerletzten Moment wegzurennen, wenn man schon den heißen Atem der Lokomotive im Nacken spürt.

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Manche Touristen nehmen die gefährlichsten Extrem-Situationen auf sich, um das perfekte Urlaubs-Foto zu schießen. Sie posieren auf den höchsten Statuen und Wolkenkratzern, posieren mit wilden Tieren oder springen mit ihrem Selfie-Stick von Klippen.

Einen Urlauber in der peruanischen Inka-Ruinenstadt Machu Picchu hat seine Lust an der Selbstinszenierung das Leben gekostet. Der 51-Jährige wollte ein Selfie machen, während er in die Luft springt. Dafür kletterte er über eine Absperrung und stürzte daraufhin Hunderte Meter in die Tiefe. Wie blöd ist das denn?

Dennoch finden sich immer wieder Adrenalin-Junkies, die für ein cooles Urlaubs-Selfie alles geben würden und sogar ihr Leben dafür riskieren.

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Das Problem ist also nicht, dass beim Selfie-Machen so viele Leute sterben. Das Problem ist eher, dass es so selten schwerwiegende Konsequenzen hat. Da ist beispielsweise der dänische Luftwaffenpilot, der sich während eines Übungsflugs in exakt jener Sekunde porträtiert hat, in der er seine Rakete abfeuerte; die Skydiver, die ihre Grimassen im Wind verewigen; die Frau, die sich in diesem Sommer genau dort auf die Straße stellte, wo das Peloton der Tour der France in vollem Tempo vorbei musste – man sollte es nicht meinen, aber diesen Selfie-Junkies geht es – auch nach ihren Bilder – noch prächtig. Niemand hat ihnen ihre Handys weggenommen, keiner von ihnen einen Idiotentest verlangt. Sie werden für ihre Blödheiten noch belohnt, indem man sie zur Kenntnis nimmt.

Was ist ein Selfie und woher kommt der Trend?

2004 tauchten sie das erste Mal auf, mittlerweile sind sie nicht mehr wegzudenken: Selfies sind omnipräsent, irgendwer fotografiert sich immer irgendwo. Das mit dem Trend auch Risiken einhergehen, ist den wenigsten bewusst. Die Selbstdarstellung ist so alt wie die Menschheit selbst. Früher habe man Selbstbildnisse für viel Geld in Auftrag geben müssen – heute kann sich jeder selbst ablichten.

Was möglich ist, wird gemacht: Tatsächlich haben die meisten Smartphones heute eine integrierte Frontkamera, bei der man sich selbst sieht – und eben nach Lust und Laune fotografieren kann. Dabei haben die Fotografierten Kontrolle: Sie können sehen, wie sie wirken – und das Bild sofort löschen, wenn es ihnen nicht gefällt.

Soziale Medien machen es möglich immer und überall unser Leben mit anderen zu teilen und uns selbst in Szene zu setzen. Zum Symbol dieser Art der Mediennutzung ist das Selfie geworden. Am besten möglichst spektakulär und in gewagten Posen.

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49 Selfie-Tote seit 2014

In den vergangenen Jahren stieg die Zahl der Todesopfer, die möglichst atemberaubende Selfie-Kulissen einfangen wollten. Dabei bildet Indien mit knapp 40 Prozent der Fälle (19 Todesfälle) die traurige Spitze, dicht gefolgt von Russland mit 14 Prozent (sieben Todesfälle). Darauf folgen die USA mit zehn Prozent sowie Spanien und die Philippinen mit je acht Prozent. Deutschland kommt in dem traurigen Ranking nicht vor, hier gab es offenbar keine Todesfälle, die auf das Schießen von Selfies zurückgeführt wurden. Die häufigste Todesursache bei Selfies ist übrigens ein Sturz aus großer Höhe. Also passen Sie besonders gut auf, wenn Sie sich das nächste Mal vor dem Ausblick eines hohen Gebäudes abbilden wollen.

Um sich selbst spektakulär in Szene zu setzen, verhalten sich vor allem junge Menschen extrem. Die Selfie-Todesopfer sind meistens junge Erwachsene. Den Daten zufolge sterben mit Abstand am häufigsten 21-Jährige bei den waghalsigen Selbstporträts. 27% der Todesopfer gehören zu dieser Altersgruppe. Teenager sind der Erhebung zufolge vorsichtiger.

 

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Das man dieses Problem erkannt hat sieht man in Russland. So kam es, dass das Innenministerium Russlands – wo sich beim Selfie-Machen schon zwei junge Männer mit einer Handgranate in die Luft gesprengt und eine junge Frau mit einer herumliegenden Pistole erschossen haben – Alarm schlug. In einer Broschüre wurden die schlimmsten Selfie-Fehler (Waffen, beim Fotografieren auf der Autobahn stehen usw.) genannt.

Die gefährlichsten Selfie-Trends

Über die ein oder anderen peinlichen Selfies kann man sich vielleicht noch amüsieren. Es gibt jedoch auch Trends, die wirklich gefährlich sind. Beliebt sind Aufnahmen von den Rändern irgendwelcher Hochhäuser, von Klippen, von Brücken etc. und das, selbstredend, freihändig, so nah an der Kante wie nur irgendwie möglich. Aus diesen waghalsigen Aktionen haben sich auch eigenständige Trends entwickelt. So gibt es beispielsweise „Bearfies“ – Selfies mit wilden Bären im Hintergrund.

Auch andere wilde Tiere werden bei derartigen Shootings gerne als aufregende Selfie-Kulisse verwendet, der Gefahr zum Trotz. Ein ebenso sehr gefährlicher Trend sind Selfies während Achterbahnfahrten in Vergnügungsparks, bei denen die Gliedmaßen weit herausgestreckt werden, um die Mitfahrer sowie die Umgebung möglichst mit vor die Linse zu bringen.

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Die Handykamera bei der Autofahrt zu zücken, ist unter Fotosüchtigen ebenfalls keine Seltenheit. Da das damit verbundene Risiko dabei leider zu wenig bedacht wird, endete so mancher Selfieversuch schon tragisch. In Indien kamen 2014 drei Studenten beim Versuch, ein Foto mit einem herannahenden Zug im Hintergrund zu schießen, ums Leben.

Selfie-Verbote: An manchen Orten wurde dem Selfie-Trend gesetzlich ein Riegel vorgeschoben. So zum Beispiel in Pamplona in Spanien, wo die Aufnahme von Selfies während des bekannten Stierlaufs einfach zu gefährlich ist und mehrere Tausend Euro teuer werden kann. Ebenso verboten sind zum Beispiel Bären-Selfies am Lake Tahoe in Kalifornien. Auch in New York wurden bestimmte Selfies verboten. Hier bezieht sich das Verbot auf Selbstportäts mit großen Wildkatzen in einem Wanderzirkus oder auf Jahrmärkten. Geschützt werden sollen dadurch sowohl Mensch als auch Tier.

Gefahrlose Selfies

Wie kann man also trotzdem coole und exklusive Selfies machen, ohne sich und andere in Gefahr zu bringen? Grundsätzlich gilt natürlich, von oben genannten Trends Abstand zu nehmen. Hoch im Kurs stehen immer Selfies mit Sehenswürdigkeiten als Hintergrund.

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Ein sehr beliebtes Motiv ist zum Beispiel die Tower Bridge in London, das Empire State Building in New York oder auch der Eifelturm in Paris. Vor einer solchen Kulisse entstehen Selfies, die definitiv etwas hermachen, dabei aber total ungefährlich sind. Ebenso beliebt sind Selfies im Disneyland und Disneyworld. Jedoch mit Mickey und Co. Im Arm – nicht im Sturzflug von der Achterbahn!

Denn was nützt dir ein spektakuläres Selfie, wenn du es dann nicht mehr posten kannst!

Doch der Trend ist ungebrochen! Die häufigsten Selfie-Todesursachen sind dabei Abstürze, Verkehrsunfälle oder Ertrinken. In den USA gab es beispielsweise 14 Tote zu beklagen, die meisten davon erschossen sich beim Posieren mit Waffen versehentlich selbst. Die indischen Behörden haben bereits auf die Fälle reagiert, die besonders zwischen 2016 und 2017 sprunghaft angestiegen waren: So gibt es alleine in der Millionen-Satdt Mumbai bislang 16 „No-Selfie-Zonen“, wo es verboten ist, die beliebten Selbstporträts zu schießen. Immer lauter werden weitere „No-Selfie-Zonen“ an Touristenattraktionen überall auf der Welt gefodert.

Hier einige der gefährlichsten Foto-Hotspots der Welt, die definitiv eine „No-Selfie-Zone“ vertragen könnten.

Kjeragbolten in Norwegen: Diesen Foto-Hotspot finden Wanderer im westlichen Teil des Kjerag-Felsplateaus in der norwegischen Kommune Forsand am Lysefjord.

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Ein etwa fünf Kubikmeter großer Monolith, eingeklemmt in einer Felsspalte 1000 Meter über dem Fjord, lockt mutige Fotografen und ihre Modelle an – ohne Sicherung, Absperrung oder die Garantie, wieder heil herunterzukommen. Glücklicherweise: Tödliche Unfälle wurden bislang noch nicht gemeldet.

Devil’s Pool bei den Victoriafällen in Sambia: Kaum zu glauben, aber es gibt wirklich Menschen, die sich freiwillig an die Kante der Victoriafälle in 110 Metern Höhe begeben, nur um ein Erinnerungsbild schießen zu können. Zugegeben: ein wirklich eindrucksvolles, aber eben auch ein wirklich gefährliches. In dem natürlichen Infinity Pool, der sich nicht umsonst Devil’s Pool nennt, fotografieren sich mutige Schwimmer und Badenixen bei niedrigem Wasserstand kurz vor dem tödlichen Abgrund. Eine Felswand verhindert, dass man über die Kante gespült wird – vor gefährlichen Strömungen kann sie aber nicht schützen. Schon einige Urlauber wurden in die Tiefen der Victoriafälle gesogen und verstarben.

Trolltunga in Norwegen: Der horizontale Vorsprung etwa 300 Meter über dem Sørfjord in Odda, Norwegen, erinnert an eine Trollzunge, daher sein  außergewöhnlicher Name.

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Zehn Meter weit ragt der Felsvorsprung aus dem Gebirge hervor und immer wieder betreten Mutige die wenige Zentimeter dicke Spitze um unvergleichliche Fotos zu schießen. Einer Frau aus Melbourne wurde das zum Verhängnis: Die 24-jährige Austauschstudentin posierte vorne für ein Bild, als sie plötzlich fast 300 Meter tief in ihren Tod fiel.

Awa’awapuhi Trail auf Hawaii: Für einen Adrenalinschub sorgt wohl auch ein Spaziergang auf dem letzten Abschnitt des Awa’awapuhi Trails auf der hawaiianischen Insel Kauai. Links und rechts neben dem ungesicherten Trampelpfad geht es steil bergab, genau das Richtige für lebensmüde Entdecker mit Kameraausrüstung. Sogar die Regierung von Hawaii warnt auf ihrer Homepage davor, über das Ende des gesicherten Weges hinauszugehen.

Der Huashan Pfad in China – Die gefährliche Treppe zum Himmel: Die Treppe zum Himmel… So wird der Huashan Wanderweg im chinesischen Huashan Gebirge genannt. Der Wanderweg, der sich erstmal harmlos anhört, hat es ganz schön in sich. Mutige vor! Auch dieser Ort ist vor den Selfie-Jägern nicht sicher.

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