So weit, so gut – ich wollte dann mal per Pedes, also in Laufschuhen, diese 48 Kehren auf das Stilfser Joch rauf laufen. Die berühmte Aussage an Jan Ullrich im Hinterkopf „Quäl dich du Sau“. Eigentlich hätte mir das Streckenprofil schon den Mut nehmen sollen, aber ….. wenn man es nicht ausprobiert hat, weiß auch man nicht ob man es geschafft hätte.

Meine Frau versucht mich noch von diesem Vorhaben abzubringen. Aber entschieden ist entschieden. Zur Vorsicht nehme ich mein Handy mit, falls ich doch unterwegs aussteigen möchte.

Die Strecke: Von Prad über etwa 24.7km bei 7.5% Steigung. Damit hatte ich mir die längste Variante ausgesucht. Ich bin verrückt, wie immer musste es die harte Variante sein. Mein Plan: Starten mit ca. 50% und schaue was geht. Denn fällt die Leistung erst einmal signifikant ab, kommt man davon in der Regel nicht mehr zurück. Das wäre für diesen Berglauf katastrophal. 

Vor dem Start zu meinem Lauf auf das Stilfser Joch hatte ich mich eigentlich gar nicht so gut gefühlt. Ich war ein wenig müde, hatte schlecht geschlafen und war nervös. Als es dann aber losging, lief es von Anfang an extrem gut.

Es war nahezu kein Verkehr, kein Gegenwind, toller Straßenbelag, schöne Landschaft und die Gewissheit, heute könnte es funktionieren.. 

Start: Prad 910m, Höhenmeter bis Passhöhe: 1.850m, Distanz bis Passhöhe: 25km

Die Kehren sind rückwärts durchnummeriert. Der Countdown der 48 Kehren beginnt hinter dem Ort Gomagoi und kurz vor Trafoi. Ich laufe, und laufe, und laufe… Meine Handy-App sagt 9’30“ für den Kilometerr – so schnell? Hoffentlich geht das gut?

Ich bin jetzt schon am Limit. War wohl zu schnell, der Anfang. Ich schalte zwei Gänge zurück. Jetzt schon, auf dem ersten Kilometer auf der Straße zum Stilfser Joch, noch vor der ersten der 48 Kehren, die hier rückwärts gezählt werden bis zum Ziel. Während ich einen Schritt vor den Anderen setze, denke ich hektisch: Wie peinlich wäre es jetzt aufzuhören?

Es gibt so einige Pässe, die man als Trailrunner gelaufen sein muss, denke ich mir. Dazu gehört eindeutig auch das Stilfser Joch, der „Passo dello Stelvio“.

Etwa 8 Kilometer sind schon (!!) bewältigt. Da passiere ich ein Schild, auf das jemand einen Aufkleber mit einer kleinen Schnecke geklebt hat.Witzbold. Naja, bin ich wirklich so langsam? Die Sonne wärmt jetzt und weil die Straße ausnahmsweise nur mit 8,5 Prozent steigt, versuche ich meine Jacke auszuziehen. Dabei zerre ich mir irgendwie meine schon kaputte Schulter. Fein, denke ich sarkastisch, nun habe ich wenigstens noch anderswo einen Schmerz, auf den ich mich fokussieren kann.

Obwohl relativ wenig Verkehr ist halten immer wieder Autos neben mir und ich höre Fragen wie „Wollen Sie da wirklich rauf laufen? Runter ist doch viel einfacher“. Oder „Soll ich sie ein Stückchen mitnehmen“? Oder „Ich würde das nicht machen“. Na. Es muss ja auch nicht jeder machen. Mir macht so etwas halt Spaß.

Bei den Radfahrern die mir begegnen gibt es einen Daumen hoch, oder die schöne Aussage: „ Auf, auf, ist nicht mehr weit. Du schaffst das. Es kann nicht mehr so schlimm werden.“ Oh doch, denke ich mir.

Meine Frau ruft an und fragt wie es mir geht und wo ich denn schon wäre. Ich sage nur „geht gut voran, bin gleich oben“ was eigentlich eine Lüge ist, denn ein Wenig dauert es noch.

Und es läuft und ab und zu geht es auch. Ich komme voran. Die letzten Kurven bis zum Pass sind durch die dünne Höhenluft nicht ohne. Und dann…endlich! 48 Kehren und etliche Höhenmeter bezwungen, 2.757 m Passhöhe. Jetzt noch ein wenig Auslaufen. Meine Frau ist auch schon oben, ganz tief durchatmen und nur noch genießen. Ich bin OBEN – Passhöhe 2.757 m, Wow. Aber so schnell werde ich das nicht wieder machen.

Im Nachhinein muss ich feststellen, dass mein Vorhaben – Lauf auf das Stilfser Joch –  gelungen war. Aber es taucht die Frage auf: Warum macht man das alles? Weil der Pass da ist?  Weil man die Möglichkeit hatte? Es gibt noch eine weitere Antwort: Es ist wie eine Droge. Je länger, je steiler, je extremer – desto größer ist der Lustgewinn.